Montag, 7. Juni 2010
Grullo
Warum nur hat er mich verlassen? Was habe ich falsch gemacht? Fragen über Fragen tanzen in meinem Kopf. Und Vorwürfe. Hättest du ihn doch nicht auf Diät gesetzt! Ihn nicht von deinem Kopfkissen vertrieben! Hättest Du ihn doch bloss auf der Tastatur schlafen und vom Tisch klauen lassen!
Zu spät. Grullo, mein geliebter roter Kater, hat das Weite gesucht. Verzweifelt irre ich durchs Quartier und durch Gärten, klebe trotz Verboten Plakate an Scheunenwände, belästige Nachbarn, Tierärzte und Schulkinder. Letztere erkundigen sich zwar ab und zu nach der Höhe des Finderlohnes, denn ohne Preis logischerweise keinen Fleiss. Aber von Grullo keine Spur. Endlich erreicht mich ein erster Anruf: „Meine Katze getraut sich wegen ihrem aufsässigen Biest nicht mehr aus dem Haus.“ Jetzt bloss diplomatisch bleiben! „Sie meinen, Ihre Katze wird von einem roten Kater belästigt?“ „Belästigt? Sie sind gut!“ „Aber mein Kater ist kastriert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Katzen bedrängt.“ Wütendes Schnauben. „Triebe lassen sich nicht einfach wegschnipseln.“ „Grullo muss bei der Schneeschmelze seine Spur verloren haben. Er kommt aus Italien und kennt sich hier nicht ..“ Sie unterbricht mich. „Ein Italo! Dann ist ja alles klar.“ „Wo wohnen Sie denn?“ rufe ich, aber die Dame hat schon aufgelegt. Beim nächsten Anruf meldet sich eine kindliche Stimme: „Tiere ohne Chip werden einfach entsorgt! Den können Sie abschreiben!“ Aufgelegt. Wieder ein Anruf. Kein Name, nur eine harsche Frage „Trägt Ihr Kater kein Namensbändeli?“ „Das hat er abgestreift, vor seiner Katzenklappe. Leider!“ Der Mann atmet schwer. „Dann ist das das Zeichen“, „Was für ein Zeichen?“ frage ich verdattert. „Dass er gehen wollte. Ganz gezielt. Frei sein! Man muss loslassen können, gute Frau!“
Die nächste Stimme klingt vorwurfsvoll. „Warum haben nur Sie ein Recht darauf, Ihre Katze wiederzufinden?“ Ich verstehe kein Wort. „Sie haben doch am Kandelaber vor dem Schulhaus ein Suchplakat aufgehängt? Können Sie mir erklären, warum ihres noch da hängt, aber das von meinem Tüpfi verschwunden ist?“
„Unerhört!“ will ich rufen, aber ich bremse mich. „Wie sieht ihr Tüpfi denn aus? Ich kann ja, wenn ich schon auf der Suche bin, auch nach Ihrem Büsi Ausschau halten.“
Endlich, nach zehn zermürbenden Tagen, kommt der erlösende Anruf von einem Nachbarn. „Ihr Grullo sitzt in unserem Hühnerhaus und jammert!“ Und tatsächlich. Ich kann mein Glück kaum fassen. Mein Grullo ist wieder da! Erleichtert verschliesse ich die Katzenklappe. „Du hast jetzt vorerst mal Hausarrest.“
In der Nacht weckt mich ein klägliches Miauen. Seltsam. Vielleicht hat Grullo ja geträumt. Oder ich. Vier Tage später entdecke ich im Abstellraum zwischen Weinkartons und Zeitungsstapeln ein Augenpaar mit schreckgeweiteten Pupillen. Dazu gehört eine langhaariges, schwarzes Fell mit einem weissen Tupf auf der Nase. Tupf? Natürlich! Tüpfi? Ausgerechnet bei mir! „Wie bist denn Du hier hereingekommen? Die Katzenklappe ist doch schon lange zu!“ „Eben!“ könnte Tüpfi jetzt antworten. Nun ist mir auch klar, warum Grullo solche Unmengen an Futter verschlungen hat. Tüpfis Frauchen umarmt mich überglücklich.
Heute habe ich an einem Kandelaber noch ein altes Suchplakat von Tüpfi entdeckt. Ich werde mich hüten, es abzuhängen.
Silvia Gillardon ist Autorin und Malerin und lebt in Stäfa
Zu spät. Grullo, mein geliebter roter Kater, hat das Weite gesucht. Verzweifelt irre ich durchs Quartier und durch Gärten, klebe trotz Verboten Plakate an Scheunenwände, belästige Nachbarn, Tierärzte und Schulkinder. Letztere erkundigen sich zwar ab und zu nach der Höhe des Finderlohnes, denn ohne Preis logischerweise keinen Fleiss. Aber von Grullo keine Spur. Endlich erreicht mich ein erster Anruf: „Meine Katze getraut sich wegen ihrem aufsässigen Biest nicht mehr aus dem Haus.“ Jetzt bloss diplomatisch bleiben! „Sie meinen, Ihre Katze wird von einem roten Kater belästigt?“ „Belästigt? Sie sind gut!“ „Aber mein Kater ist kastriert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Katzen bedrängt.“ Wütendes Schnauben. „Triebe lassen sich nicht einfach wegschnipseln.“ „Grullo muss bei der Schneeschmelze seine Spur verloren haben. Er kommt aus Italien und kennt sich hier nicht ..“ Sie unterbricht mich. „Ein Italo! Dann ist ja alles klar.“ „Wo wohnen Sie denn?“ rufe ich, aber die Dame hat schon aufgelegt. Beim nächsten Anruf meldet sich eine kindliche Stimme: „Tiere ohne Chip werden einfach entsorgt! Den können Sie abschreiben!“ Aufgelegt. Wieder ein Anruf. Kein Name, nur eine harsche Frage „Trägt Ihr Kater kein Namensbändeli?“ „Das hat er abgestreift, vor seiner Katzenklappe. Leider!“ Der Mann atmet schwer. „Dann ist das das Zeichen“, „Was für ein Zeichen?“ frage ich verdattert. „Dass er gehen wollte. Ganz gezielt. Frei sein! Man muss loslassen können, gute Frau!“
Die nächste Stimme klingt vorwurfsvoll. „Warum haben nur Sie ein Recht darauf, Ihre Katze wiederzufinden?“ Ich verstehe kein Wort. „Sie haben doch am Kandelaber vor dem Schulhaus ein Suchplakat aufgehängt? Können Sie mir erklären, warum ihres noch da hängt, aber das von meinem Tüpfi verschwunden ist?“
„Unerhört!“ will ich rufen, aber ich bremse mich. „Wie sieht ihr Tüpfi denn aus? Ich kann ja, wenn ich schon auf der Suche bin, auch nach Ihrem Büsi Ausschau halten.“
Endlich, nach zehn zermürbenden Tagen, kommt der erlösende Anruf von einem Nachbarn. „Ihr Grullo sitzt in unserem Hühnerhaus und jammert!“ Und tatsächlich. Ich kann mein Glück kaum fassen. Mein Grullo ist wieder da! Erleichtert verschliesse ich die Katzenklappe. „Du hast jetzt vorerst mal Hausarrest.“
In der Nacht weckt mich ein klägliches Miauen. Seltsam. Vielleicht hat Grullo ja geträumt. Oder ich. Vier Tage später entdecke ich im Abstellraum zwischen Weinkartons und Zeitungsstapeln ein Augenpaar mit schreckgeweiteten Pupillen. Dazu gehört eine langhaariges, schwarzes Fell mit einem weissen Tupf auf der Nase. Tupf? Natürlich! Tüpfi? Ausgerechnet bei mir! „Wie bist denn Du hier hereingekommen? Die Katzenklappe ist doch schon lange zu!“ „Eben!“ könnte Tüpfi jetzt antworten. Nun ist mir auch klar, warum Grullo solche Unmengen an Futter verschlungen hat. Tüpfis Frauchen umarmt mich überglücklich.
Heute habe ich an einem Kandelaber noch ein altes Suchplakat von Tüpfi entdeckt. Ich werde mich hüten, es abzuhängen.
Silvia Gillardon ist Autorin und Malerin und lebt in Stäfa
Ausgebadet
Ich steh am Ufer und warte. Endlich bin ich allein. Tapfer nähere ich mich dem Wasser, ziehe mich hastig aus. Vorsichtig strecke ich eine Fussspitze ins Wasser, dann blitzschnell beide Beine. Es verschlägt mir den Atem. Was hatte Tante Meti gesagt? „Einfach nicht nachdenken!“ Ich unterdrücke einen Schrei. Meine Ohren pfeifen und, leider leider, auch mein Gehirn. „Raus!“ schreit es. „Es ist eisig und du spinnst!“
„Aber Kind“, tröstet mich Tante Meti, wie sie mir den Punsch einschenkt. „Damit fängt man doch im Herbst an. Indem man die sinkende Temperatur ignoriert und einfach weiter schwimmt, jeden Tag. Den Körper überlistet. Bis er sich nicht mal mehr von einer Eisscholle abschrecken lässt.“
Tja, Tante Meti ist eine Heldin. Das blühende Leben, mit achtzig. Aber ich? Wie stehe ich nun da vor meinen römischen Freunden, die mich morgen besuchen wollen, um life zu erleben, wie meine Nachbarn und ich uns ungeachtet jeder Temperatur im Zürichsee verlustieren? Wirklich gelogen habe ich ja nicht, an jenem Abend. Nur nicht nein gesagt, als sie Tante Metis Courage auch auf mich und die anderen Bewohner meines Dorfes ausdehnten. Ob sie mir die Geschichte von den Eisalgen abnehmen werden? Oder es könnte doch auch ausgerechnet jetzt ein gefährlicher Fisch „aufgetaucht“ sein?
Am andern Morgen ruft Giuseppe an, schuldbewusst. Nach einem Blick auf das Grau durch die Webcam vom Zürichsee hätten sie leider nun doch den Seychellen den Vorzug gegeben. Aber im wirklichen Sommer, jederzeit. Gerne.
Natürlich bin ich beleidigt.
Silvia Gillardon ist Malerin und Autorin und lebt in Stäfa
„Aber Kind“, tröstet mich Tante Meti, wie sie mir den Punsch einschenkt. „Damit fängt man doch im Herbst an. Indem man die sinkende Temperatur ignoriert und einfach weiter schwimmt, jeden Tag. Den Körper überlistet. Bis er sich nicht mal mehr von einer Eisscholle abschrecken lässt.“
Tja, Tante Meti ist eine Heldin. Das blühende Leben, mit achtzig. Aber ich? Wie stehe ich nun da vor meinen römischen Freunden, die mich morgen besuchen wollen, um life zu erleben, wie meine Nachbarn und ich uns ungeachtet jeder Temperatur im Zürichsee verlustieren? Wirklich gelogen habe ich ja nicht, an jenem Abend. Nur nicht nein gesagt, als sie Tante Metis Courage auch auf mich und die anderen Bewohner meines Dorfes ausdehnten. Ob sie mir die Geschichte von den Eisalgen abnehmen werden? Oder es könnte doch auch ausgerechnet jetzt ein gefährlicher Fisch „aufgetaucht“ sein?
Am andern Morgen ruft Giuseppe an, schuldbewusst. Nach einem Blick auf das Grau durch die Webcam vom Zürichsee hätten sie leider nun doch den Seychellen den Vorzug gegeben. Aber im wirklichen Sommer, jederzeit. Gerne.
Natürlich bin ich beleidigt.
Silvia Gillardon ist Malerin und Autorin und lebt in Stäfa
Sie haben Post
„Ich wünsche mir einen charmanteren Spiegel, Sonnenblumen ohne Hängeköpfe und endlich mal wieder einen handgeschrie-benen Brief mit richtiger Briefmarke.“ Dieser Satz war als harmlo-ser, poetischer Beitrag für das Facebook gedacht. Doch seither werde ich bombardiert. Nein, nicht von Glasern oder Sonnenblu-menzüchtern, sondern vom Gejammer unverbesserlicher Nostal-giker. „Wie wahr! Seit Jahren hat sich keiner mehr die Mühe ge-nommen, mir mit Füllfederhalter einen Liebes- oder wenigstens Abschiedsbrief zu schreiben. Die Zeit der Manus-Skripte, der Laufschrift oder Kurrentschrift ist vorbei. In Tinte zementierte Ge-fühle, das bange Warten auf den Briefträger ist Schnee von ge-stern. Ein richtiger Brief ein Wunder.“
„Allez vite facteur, Silvie attend!“, hatte eine meiner Brieffreun-dinnen jeweils quer über den mit Herzchen verzierten Umschlag geschrieben. Und ich hatte zurückgekitscht, umgehend, nach Montreal, Algerien, Prag, Perpignan, Malmö,und Edinburgh. Mein ganzes Taschengeld investiert in lila Büttenpapierumschläge, grüne Tinte und Sondermarken. Wir hatten uns mitgeteilt, über Schul- und Familienstress, Liebeskummer, Banales. Heute haben wir dafür die Chatrooms und SMS“, tröste ich die Jammernden. Und drücke auf „senden“. Denn selbstverständlich sind alle Klagen per Mail eingetroffen. Mein echter Briefkasten gähnt vor sich hin. Dafür rennt ein virtu-eller Hofhund aufgeregt über meinen Bildschirm und kläfft: „Sie haben Post!“
Silvia Gillardon ist Autorin und Malerin und lebt in Stäfa
„Allez vite facteur, Silvie attend!“, hatte eine meiner Brieffreun-dinnen jeweils quer über den mit Herzchen verzierten Umschlag geschrieben. Und ich hatte zurückgekitscht, umgehend, nach Montreal, Algerien, Prag, Perpignan, Malmö,und Edinburgh. Mein ganzes Taschengeld investiert in lila Büttenpapierumschläge, grüne Tinte und Sondermarken. Wir hatten uns mitgeteilt, über Schul- und Familienstress, Liebeskummer, Banales. Heute haben wir dafür die Chatrooms und SMS“, tröste ich die Jammernden. Und drücke auf „senden“. Denn selbstverständlich sind alle Klagen per Mail eingetroffen. Mein echter Briefkasten gähnt vor sich hin. Dafür rennt ein virtu-eller Hofhund aufgeregt über meinen Bildschirm und kläfft: „Sie haben Post!“
Silvia Gillardon ist Autorin und Malerin und lebt in Stäfa
Freitag, 4. Juni 2010
Wasser-Fallen
„Dieser Ausblick stimmt mich ganz depressiv.“ Marcel steht am Fenster und starrt auf den Fluss. „Hier könnte ich nie leben. Die Vergänglichkeit täglich auf so penetrante Art vorgeführt zu bekommen, ist doch unerträglich. Gottseidank wohnen wir am Zürichsee.“
„Aber unser See fliesst doch auch!“ wende ich ein.
„Stimmt. Aber man sieht es nicht.“
„Aber du weißt es doch trotzdem.“
„Ja. Aber zählen tut für mich, was ich sehe. Alles andere ist abstrakt. Wenn ich auf den See sehe, wirkt der auf mich wie eine stabile Fläche. Friedlich und ruhig. Ein Spiegel.“
„Aber Marcel, du siehst doch die Fische auch nicht, die in deinem See schwimmen. Warum hältst du denn trotzdem deine Fischerrute rein?“
Er schaut mich irritiert an; dann huscht ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht. „Weil ich als kleiner Junge schon erfahren habe, dass ab und zu einer anbeisst. Und zählen tut doch, was ich erfahren habe.“ „Seltsame Philosophie! Und woher weißt du denn, dass du in deiner sogenannten „stabile Fläche“ schwimmen oder in ein Boot steigen musst, um zum anderen Ufer zu gelangen? Hast du etwa schon mal versucht, übers Wasser zu gehen?“ spotte ich. Irgendwie ärgert mich Marcels Kommentar. Ich auf jeden Fall kann mich nicht sattsehen an diesem Fluss. Seinem Wechselspiel. Manchmal wird er wie ein breites, seidenes Band von Geisterhand vorbeigezogen, dann wieder scheint er einzuhalten. Ab und zu überholt die rechte die linke Seite, und an gewissen Stellen treiben geheimnisvolle Wirbel das Wasser sogar rückwärts. Und die Vorstellung, dass der Ast, der gerade vorbeitreibt, in vier Tagen in Rotterdam ankommen wird, fasziniert mich.
„Ich finde den See romantischer. Und er steckt voller Geheimnisse.“ „Geheimnisse?“ Ich deute auf die Rheinbrücke. „Da hast du wohl noch nie etwas vom legendären Sankt Anna-Loch gehört. Direkt dort, unter dem mittleren Brückenpfeiler, da liegt es. Dort bricht das Flussbett abrupt um mehr als dreissig Meter ab. Ein unsichtbarer Wasserfall, wenn Du so willst. Die Strömungen und Wirbel unter der Wasseroberfläche sind in dieser Zone von unvorstellbarer Wucht und können auch geübte Schwimmer in die Tiefe reißen. Viele Boote sind an dieser höchst gefährlichen Stelle schon gekentert. Und, soviel zum Thema „geheimnisvoll“: Ausser den paar Wirbeln im Wasser sieht man gar nichts.“
„Ein unsichtbarer Wasserfall? Unmöglich“, schimpft Marcel auf der Heimfahrt. „Ich glaube kein Wort von deiner Geschichte.“
„Ich weiss. Was Du nicht sehen oder am eigenen Leib erfahren kannst, existiert für dich einfach nicht.“ Dass Marcel, kaum zuhause angelangt, sofort über das Sankt-Anna-Loch recherchieren wird, darüber muss man keine Worte verlieren. Schliesslich ist er ein Mann.
Nachdenklich lächle ich unserem See zu. Und ich weiss: Irgendeiner der vielen Fische hat verstanden und lächelt zurück. Wenn es sein muss, auch gegen die Strömung.
cr : alle Rechte bei der Autorin
Silvia Gillardon ist Malerin und Autorin und lebt in Stäfa
„Aber unser See fliesst doch auch!“ wende ich ein.
„Stimmt. Aber man sieht es nicht.“
„Aber du weißt es doch trotzdem.“
„Ja. Aber zählen tut für mich, was ich sehe. Alles andere ist abstrakt. Wenn ich auf den See sehe, wirkt der auf mich wie eine stabile Fläche. Friedlich und ruhig. Ein Spiegel.“
„Aber Marcel, du siehst doch die Fische auch nicht, die in deinem See schwimmen. Warum hältst du denn trotzdem deine Fischerrute rein?“
Er schaut mich irritiert an; dann huscht ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht. „Weil ich als kleiner Junge schon erfahren habe, dass ab und zu einer anbeisst. Und zählen tut doch, was ich erfahren habe.“ „Seltsame Philosophie! Und woher weißt du denn, dass du in deiner sogenannten „stabile Fläche“ schwimmen oder in ein Boot steigen musst, um zum anderen Ufer zu gelangen? Hast du etwa schon mal versucht, übers Wasser zu gehen?“ spotte ich. Irgendwie ärgert mich Marcels Kommentar. Ich auf jeden Fall kann mich nicht sattsehen an diesem Fluss. Seinem Wechselspiel. Manchmal wird er wie ein breites, seidenes Band von Geisterhand vorbeigezogen, dann wieder scheint er einzuhalten. Ab und zu überholt die rechte die linke Seite, und an gewissen Stellen treiben geheimnisvolle Wirbel das Wasser sogar rückwärts. Und die Vorstellung, dass der Ast, der gerade vorbeitreibt, in vier Tagen in Rotterdam ankommen wird, fasziniert mich.
„Ich finde den See romantischer. Und er steckt voller Geheimnisse.“ „Geheimnisse?“ Ich deute auf die Rheinbrücke. „Da hast du wohl noch nie etwas vom legendären Sankt Anna-Loch gehört. Direkt dort, unter dem mittleren Brückenpfeiler, da liegt es. Dort bricht das Flussbett abrupt um mehr als dreissig Meter ab. Ein unsichtbarer Wasserfall, wenn Du so willst. Die Strömungen und Wirbel unter der Wasseroberfläche sind in dieser Zone von unvorstellbarer Wucht und können auch geübte Schwimmer in die Tiefe reißen. Viele Boote sind an dieser höchst gefährlichen Stelle schon gekentert. Und, soviel zum Thema „geheimnisvoll“: Ausser den paar Wirbeln im Wasser sieht man gar nichts.“
„Ein unsichtbarer Wasserfall? Unmöglich“, schimpft Marcel auf der Heimfahrt. „Ich glaube kein Wort von deiner Geschichte.“
„Ich weiss. Was Du nicht sehen oder am eigenen Leib erfahren kannst, existiert für dich einfach nicht.“ Dass Marcel, kaum zuhause angelangt, sofort über das Sankt-Anna-Loch recherchieren wird, darüber muss man keine Worte verlieren. Schliesslich ist er ein Mann.
Nachdenklich lächle ich unserem See zu. Und ich weiss: Irgendeiner der vielen Fische hat verstanden und lächelt zurück. Wenn es sein muss, auch gegen die Strömung.
cr : alle Rechte bei der Autorin
Silvia Gillardon ist Malerin und Autorin und lebt in Stäfa
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