Freitag, 4. Juni 2010

Wasser-Fallen

„Dieser Ausblick stimmt mich ganz depressiv.“ Marcel steht am Fenster und starrt auf den Fluss. „Hier könnte ich nie leben. Die Vergänglichkeit täglich auf so penetrante Art vorgeführt zu bekommen, ist doch unerträglich. Gottseidank wohnen wir am Zürichsee.“
„Aber unser See fliesst doch auch!“ wende ich ein.
„Stimmt. Aber man sieht es nicht.“
„Aber du weißt es doch trotzdem.“
„Ja. Aber zählen tut für mich, was ich sehe. Alles andere ist abstrakt. Wenn ich auf den See sehe, wirkt der auf mich wie eine stabile Fläche. Friedlich und ruhig. Ein Spiegel.“
„Aber Marcel, du siehst doch die Fische auch nicht, die in deinem See schwimmen. Warum hältst du denn trotzdem deine Fischerrute rein?“
Er schaut mich irritiert an; dann huscht ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht. „Weil ich als kleiner Junge schon erfahren habe, dass ab und zu einer anbeisst. Und zählen tut doch, was ich erfahren habe.“ „Seltsame Philosophie! Und woher weißt du denn, dass du in deiner sogenannten „stabile Fläche“ schwimmen oder in ein Boot steigen musst, um zum anderen Ufer zu gelangen? Hast du etwa schon mal versucht, übers Wasser zu gehen?“ spotte ich. Irgendwie ärgert mich Marcels Kommentar. Ich auf jeden Fall kann mich nicht sattsehen an diesem Fluss. Seinem Wechselspiel. Manchmal wird er wie ein breites, seidenes Band von Geisterhand vorbeigezogen, dann wieder scheint er einzuhalten. Ab und zu überholt die rechte die linke Seite, und an gewissen Stellen treiben geheimnisvolle Wirbel das Wasser sogar rückwärts. Und die Vorstellung, dass der Ast, der gerade vorbeitreibt, in vier Tagen in Rotterdam ankommen wird, fasziniert mich.
„Ich finde den See romantischer. Und er steckt voller Geheimnisse.“ „Geheimnisse?“ Ich deute auf die Rheinbrücke. „Da hast du wohl noch nie etwas vom legendären Sankt Anna-Loch gehört. Direkt dort, unter dem mittleren Brückenpfeiler, da liegt es. Dort bricht das Flussbett abrupt um mehr als dreissig Meter ab. Ein unsichtbarer Wasserfall, wenn Du so willst. Die Strömungen und Wirbel unter der Wasseroberfläche sind in dieser Zone von unvorstellbarer Wucht und können auch geübte Schwimmer in die Tiefe reißen. Viele Boote sind an dieser höchst gefährlichen Stelle schon gekentert. Und, soviel zum Thema „geheimnisvoll“: Ausser den paar Wirbeln im Wasser sieht man gar nichts.“
„Ein unsichtbarer Wasserfall? Unmöglich“, schimpft Marcel auf der Heimfahrt. „Ich glaube kein Wort von deiner Geschichte.“
„Ich weiss. Was Du nicht sehen oder am eigenen Leib erfahren kannst, existiert für dich einfach nicht.“ Dass Marcel, kaum zuhause angelangt, sofort über das Sankt-Anna-Loch recherchieren wird, darüber muss man keine Worte verlieren. Schliesslich ist er ein Mann.
Nachdenklich lächle ich unserem See zu. Und ich weiss: Irgendeiner der vielen Fische hat verstanden und lächelt zurück. Wenn es sein muss, auch gegen die Strömung.



cr : alle Rechte bei der Autorin
Silvia Gillardon ist Malerin und Autorin und lebt in Stäfa

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