„Ich wünsche mir einen charmanteren Spiegel, Sonnenblumen ohne Hängeköpfe und endlich mal wieder einen handgeschrie-benen Brief mit richtiger Briefmarke.“ Dieser Satz war als harmlo-ser, poetischer Beitrag für das Facebook gedacht. Doch seither werde ich bombardiert. Nein, nicht von Glasern oder Sonnenblu-menzüchtern, sondern vom Gejammer unverbesserlicher Nostal-giker. „Wie wahr! Seit Jahren hat sich keiner mehr die Mühe ge-nommen, mir mit Füllfederhalter einen Liebes- oder wenigstens Abschiedsbrief zu schreiben. Die Zeit der Manus-Skripte, der Laufschrift oder Kurrentschrift ist vorbei. In Tinte zementierte Ge-fühle, das bange Warten auf den Briefträger ist Schnee von ge-stern. Ein richtiger Brief ein Wunder.“
„Allez vite facteur, Silvie attend!“, hatte eine meiner Brieffreun-dinnen jeweils quer über den mit Herzchen verzierten Umschlag geschrieben. Und ich hatte zurückgekitscht, umgehend, nach Montreal, Algerien, Prag, Perpignan, Malmö,und Edinburgh. Mein ganzes Taschengeld investiert in lila Büttenpapierumschläge, grüne Tinte und Sondermarken. Wir hatten uns mitgeteilt, über Schul- und Familienstress, Liebeskummer, Banales. Heute haben wir dafür die Chatrooms und SMS“, tröste ich die Jammernden. Und drücke auf „senden“. Denn selbstverständlich sind alle Klagen per Mail eingetroffen. Mein echter Briefkasten gähnt vor sich hin. Dafür rennt ein virtu-eller Hofhund aufgeregt über meinen Bildschirm und kläfft: „Sie haben Post!“
Silvia Gillardon ist Autorin und Malerin und lebt in Stäfa
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