Ich steh am Ufer und warte. Endlich bin ich allein. Tapfer nähere ich mich dem Wasser, ziehe mich hastig aus. Vorsichtig strecke ich eine Fussspitze ins Wasser, dann blitzschnell beide Beine. Es verschlägt mir den Atem. Was hatte Tante Meti gesagt? „Einfach nicht nachdenken!“ Ich unterdrücke einen Schrei. Meine Ohren pfeifen und, leider leider, auch mein Gehirn. „Raus!“ schreit es. „Es ist eisig und du spinnst!“
„Aber Kind“, tröstet mich Tante Meti, wie sie mir den Punsch einschenkt. „Damit fängt man doch im Herbst an. Indem man die sinkende Temperatur ignoriert und einfach weiter schwimmt, jeden Tag. Den Körper überlistet. Bis er sich nicht mal mehr von einer Eisscholle abschrecken lässt.“
Tja, Tante Meti ist eine Heldin. Das blühende Leben, mit achtzig. Aber ich? Wie stehe ich nun da vor meinen römischen Freunden, die mich morgen besuchen wollen, um life zu erleben, wie meine Nachbarn und ich uns ungeachtet jeder Temperatur im Zürichsee verlustieren? Wirklich gelogen habe ich ja nicht, an jenem Abend. Nur nicht nein gesagt, als sie Tante Metis Courage auch auf mich und die anderen Bewohner meines Dorfes ausdehnten. Ob sie mir die Geschichte von den Eisalgen abnehmen werden? Oder es könnte doch auch ausgerechnet jetzt ein gefährlicher Fisch „aufgetaucht“ sein?
Am andern Morgen ruft Giuseppe an, schuldbewusst. Nach einem Blick auf das Grau durch die Webcam vom Zürichsee hätten sie leider nun doch den Seychellen den Vorzug gegeben. Aber im wirklichen Sommer, jederzeit. Gerne.
Natürlich bin ich beleidigt.
Silvia Gillardon ist Malerin und Autorin und lebt in Stäfa
Männer sind nicht stubenrein
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